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29.06.2016

AMIRA, ALEXA Mini und der AFFENKÖNIG - Kameramann Martin Schlecht spricht über den Dreh von AFFENKÖNIG, dem neuen Projekt von Regisseur Oliver Rihs

AFFENKÖNIG ist der neue Film des Schweizer Regisseurs Oliver Rihs (SCHWARZE SCHAFE), der beim diesjährigen Filmfest München in der Reihe "Neues Deutsches Kino" Weltpremiere feiert. In der bitterbösen Komödie lädt Wolfgang, der den Affenkönig verkörpert, seine drei alten Freunde nach Südfrankreich ein, um es noch einmal richtig krachen zu lassen. Kameramann Martin Schlecht (HONIG IM KOPF) gibt Einblick in die Zusammenarbeit mit dem Regisseur und warum er bei den Dreharbeiten im August / September letzten Jahres in der Provence auf ARRI AMIRA und die zu dem Zeitpunkt noch brandneue ARRI ALEXA Mini gesetzt hat. Kameras und Licht-Equipment wurden von ARRI Rental Berlin geliefert.

 

Können Sie mit eigenen Worten beschreiben, um was es bei AFFENKÖNIG geht und was Sie bei diesem Projekt gereizt hat?

Es war im Vorfeld so, dass Regisseur Oliver Rihs mich angerufen hat, um eine mögliche Zusammenarbeit zu klären. Da ich seinen Film SCHWARZE SCHAFE toll fand, habe ich mich über sein Interesse, mit mir zu drehen, sehr gefreut. AFFENKÖNIG ist eine hemmungslose Komödie über Männer, die Mitte Vierzig und unfähig sind, ihr Alter zu akzeptieren. Begrabene Jugendträume, selbstbewusste Ehefrauen, problematische Kinder sowie die bürgerlichen Alltagssorgen kollidieren miteinander und fahren Achterbahn mit der Sehnsucht nach Rock'n Roll. Es ist so, wie man es auch selbst im Alltag erlebt. Wir sind alle Gewohnheitsmenschen, haben aber trotzdem Sehnsüchte und würden gerne ausbrechen. Oftmals ist ein Ereignis notwendig, damit es schließlich auch passiert. Die Herausforderung war, dass es sich bei AFFENKÖNIG um eine Art Kammerspiel handelt. Es gab nicht die große Hauptrolle. Auf eine bestimmte Art und Weise hatten alle Charaktere große Rollen. Man konnte dieses Projekt im Vorfeld nicht so formen, wie man es sonst gerne macht, sondern es war notwendig, den Mitwirkenden viel Spielraum zu lassen. Ich wusste sehr oft nicht, was wirklich passieren würde, bis zu dem Moment, in dem wir gedreht haben. Jede Probe hat sich laufend geändert. Somit musste ich dem Setting mehr Raum geben, als ich es üblicherweise tue. Dadurch wurde eine ganz spezielle Ästhetik geschaffen, die sich auch im Schnitt wiederspiegelt. Die Herausforderung war, immer wieder Kontinuität zu schaffen, aufgrund der Tatsache, dass sie in der üblichen Form nicht gegeben war.

 

Waren Sie sich mit Oliver Rihs über die Herangehensweise einig?

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, haben wir uns sehr gut ergänzt. Wir haben im Vorfeld geprobt und wussten ungefähr, was auf uns zukommen wird. In der Hauptsache waren wir uns sehr einig. Oliver Rihs ist ein Regisseur, der sich nie festlegt, der vor Ideen nur so sprudelt. Für mich ist er ein Ausnahmeregisseur. Oliver hat es geschafft, mich über den Tellerrand schauen zu lassen. Er hat sich meine Vorschläge angehört und um seine Ideen ergänzt. Es war eine Zusammenarbeit mit einem extrem visuellen und künstlerischen Menschen, die für mich sehr bereichernd war. Trotzdem hat er mir freie Hand gegeben und es war sehr angenehm, mit ihm zu arbeiten.

 

Wie muss man sich die Vorbereitung für diesen Film vorstellen? Haben Sie im Vorfeld einen speziellen Look entwickelt?

Wir haben in der Vorbereitung eine Auflösung gemacht, um festzustellen, was wir an Technik benötigen werden, um das Projekt umzusetzen. Was den Look betrifft, haben wir uns viele Filme im Vorfeld angeschaut und versucht, etwas Neues zu kreieren. Ich glaube, neue Welten zu erfinden, ist extrem schwierig. Trotzdem muss man versuchen, seine eigene Sprache zu finden. Mir ist es sehr wichtig, mit meiner Arbeit nicht im Vordergrund zu stehen. Ich möchte aus dem Kino rausgehen und hören, dass das ein toller Film war und nicht, dass tolle Bilder zu sehen waren. Deswegen halte ich mich mit meiner Arbeit tendenziell eher zurück, versuche aber natürlich trotzdem das Beste rauszuholen. Gleichzeitig möchte ich dem Regisseur den Raum schaffen, damit er seine Vorstellung optimal umsetzen kann.

 

Wie kam es dazu, mit der ARRI Amira und der ARRI ALEXA Mini zu drehen?

Bei den Produktionsbedingungen, die wir in Deutschland haben, darf man sich nicht erlauben, durch Technik Zeit zu verlieren. Und diese Bedingung erfüllen die Produkte von ARRI. Ich habe noch nie, egal ob ich auf 35mm, auf der ARRI ALEXA oder auf der AMIRA gedreht habe, technische Probleme mit den ARRI Kameras gehabt. Außerdem habe ich in der Vergangenheit schon einige Male mit der AMIRA gedreht und bin ein riesiger Fan von dieser Kamera. Sie ist extrem gut in der Handhabung, bietet 200 Bilder/Sekunde an, was ich persönlich toll finde. Die Higher Frame Rate hat mich sehr begeistert, die Bilder schauen wunderschön aus. Man ist mit dieser Kamera immer in der Lage, sehr schnell zu variieren. Sie verfügt über einen Onboard Monitor, ist leicht und offeriert einen super Workflow. Für eine Handkamera ist die AMIRA toll gebaut, das Handling ist einfach. Beim Drehen lege ich mich oft nicht fest, ich schaue mir zuerst das Spiel an und entscheide mich gegebenenfalls spontan um, z.B. dass wir doch aus der Hand filmen. Die AMIRA macht alles problemlos mit: Ich kann sie auf die Hand schnallen, kann mit ihr in die Knie gehen, habe keinen "schweren Brocken" auf der Schulter, bin letztlich nicht eingeschränkt in der Handhabung.

Die ALEXA Mini war zur Zeit des Drehs ganz neu auf dem Markt. Dass sie zum Einsatz kam war v.a. dem Gimbal geschuldet. Es war hauptsächlich mein Second Unit Kameramann Raphael Beinder, der mit der Mini gedreht hat. Das Tolle war, man konnte ,den Chip flippen´, d.h. es war problemlos möglich, den Umbau des Gimbals zum normalen Modus ohne Umbauten vorzunehmen. Es war z.B. nicht notwendig, den Monitor zu drehen. Mit der ALEXA Mini bieten sich unfassbar viele Möglichkeiten, wie z.B. sie an ein Fahrrad zu montieren. Oder sie in einem Auto zu installieren, an Stellen, an die man mit anderen Kameratypen nicht herankommt aufgrund der Tatsache, dass schlicht und einfach kein Platz verfügbar ist.

 

Die ALEXA Mini war zur Zeit des Drehs ganz neu auf dem Markt. Wie war die Handhabung?

Mein Second Unit Kameramann hat hauptsächlich mit der Mini gedreht und er war sehr zufrieden mit der Handhabung. Das Schöne ist, dass die Funktionen die gleichen wie bei den anderen ALEXA Modellen sind. Beispielsweise kann man bei der ALEXA Mini über sein Handy ein eigenes Wireless aufbauen. So lassen sich alle Einstellungen extrem schnell vornehmen. Das ist letztlich auch der Sinn der Sache. Wir drehen schließlich nicht in Amerika, wo 20 Kameras am Set verfügbar sind. Man kann die Mini in sehr vielen Situationen nutzen, sie ist unwahrscheinlich kompatibel. Wenn man sein Handwerk einigermaßen beherrscht, ist das genial.

 

Könnten Sie die Szene mit der ALEXA Mini auf dem Fahrrad erläutern?

Im Buch gab es eine Szene, in der der Ralph, einer der Freunde des Affenkönigs, seiner Frau folgt, die mit einer anderen Schauspielerin per Fahrrad die Serpentinen in Südfrankreich entlang fährt. Oliver Rihs und ich haben uns überlegt, dass wir an dem PoV (Point of View), mehr oder weniger von unten auf den Popo drehen müssen, weil Ralph immer näher heranfährt, da er sich von der Geliebten des Affenkönigs sehr angezogen fühlt. Wir haben überlegt, wie wir es anstellen, so nah wie möglich heranzukommen, noch dazu wollten wir auch den Lenker im Anschnitt haben. So haben wir getüftelt und gemeinsam mit unserem Key Grip überlegt, wie es funktioneren könnte. Das Ergebnis war, dass wir die Kamera ans Fahrrad geschnallt haben. Ich habe mich ebenfalls auf dieses Fahrrad gesetzt und bin hinterhergefahren. Oliver hat über Walkie Talkie den Abstand bestimmt, den ich einhalten sollte. Die Bilder schauen klasse aus.

Die Größe ist eindeutig ein Vorteil, der für die Mini spricht. Die AMIRA wäre hierfür zu schwer gewesen. Mit der ALEXA Mini hat es aber wunderbar funktioniert.

Auch die vielen Unterwasseraufnahmen ließen sich mit der Mini viel schneller umsetzen. Wir hatten am Haus einen riesigen Pool, in dem wir viele Szenen drehen mussten, u.a. auch einen Teil des Vorspanns. Im Film gibt es eine Szene, in der der Affenkönig von seinen Freunden ins Wasser geschmissen wird, obwohl er eine absolute Wasserphobie hat. Es war erforderlich, dass wir Zeitlupenaufnahmen unter Wasser machen. Natürlich gibt es Unterwasser-Gehäuse für unterschiedliche Kameratypen, aber für die Mini sprach ihre Vielseitigkeit. Sie ist klein und sehr gut im Handling. Umso größer die Apparate sind, umso mehr Masse ist notwendig, um diese unter Wasser zu steuern. Je kleiner die Kamera ist, umso einfacher ist es für mich als Kameramann. Das war wirklich ein Highlight. Wir haben viel Zeit über Wasser und unter Wasser verbracht und hatten nicht eine einzige Sekunde ein Problem mit der Mini.

 

Welche Objektive haben Sie eingesetzt und warum?

Da es sich um ein sehr spezielles Filmprojekt handelt, hatten wir nicht viel Förderung und konnten uns nicht viel erlauben. Aufgrund des Kammerspiels und um flexibel zu sein, haben Oliver und ich entschieden, ein Gimbal einzusetzen und den Dolly wegzulassen. Die Problematik beim Gimbal ist, dass das Gewicht limitiert ist. Normalerweise variiere ich die Optiken, aber während meiner Arbeit am AFFENKÖNIG habe ich die Ultra Primes sehr zu schätzen gelernt. Ich würde jederzeit wieder mit diesen Optiken drehen. Es waren die leichtesten verfügbaren Objektive, die diesen Blendenumfang und diese Reinheit bieten. Es war mir wichtig, einen kompletten Satz zu haben, damit das Ergebnis gleich ausschaut. Deswegen haben wir uns hauptsächlich für diese Optiken entschieden. Andere hätten das zulässige Gewicht überschritten. Blendentechnisch drehe ich gerne mit 2.8 oder 2.8 ½, egal in welcher Situation. Und den Zoom haben wir mitgenommen, um variabel zu sein. Damit wir in Szenen, in denen wir im Auto mitfahren, die Größe verändern können, ohne eine Brennweite umzubauen.

 

Gab es Schwierigkeiten oder technische Probleme?

Ich brauche eine Kamera auf die ich mich verlassen kann in jeder Sekunde - Das ist bei den ARRI Kameras der Fall. Ursprünglich komme ich aus der Fotografie; ich verlasse mich gerne auf die angegebenen Werte. Wenn ich die ASA Zahl bei einer ARRI AMIRA, ALEXA XT oder ALEXA Mini auf 800 einstelle, dann weiß ich, dass es sich tatsächlich um 800 ASA handelt und dass sie nicht im Nachgang irgendwie hochgepuscht werden. Das ist für mich sehr wichtig, z.B. auch im Hinblick auf die Lichtsituation. Ich bin ein großer Fan von 'what you see is what you get'. Alle versuchen heutzutage mit den Digitalkameras so nah wie möglich an ein Bild wie bei 35 mm Film zu kommen. Ich brauche nicht 4k, 6k oder was auch immer noch kommen mag. Mir reicht 4:4:4 ProRes, wenn ich nicht einen animierten Film drehe oder viel Szenen mit VFX vorgesehen sind. Es ist die Farbtiefe, die wunderschön ist. Ich bin immer wieder begeistert.

 

Waren Sie mit dem Service von ARRI Rental Berlin zufrieden?

Wenn ich entscheiden darf, was nicht immer der Fall ist, würde ich mich immer für die Technik und den Service von ARRI Rental entscheiden. Ich kenne Ute Baron schon viele Jahre und habe ihr viel zu verdanken. Sie hat mich oft unterstützt und setzt sich bei bestimmten Problematiken gerne mit mir auseinander, um einen Lösungsweg zu finden, damit ich dahin komme, wo ich hinkommen möchte, auch wenn die Realisierungsmöglichkeiten der Produktion manchmal eingeschränkt sind.

 

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